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Norwegen und Deutschland

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Published under: Regjeringen Bondevik I

Publisher Utenriksdepartementet

Einleitung

Die Bundesrepublik Deutschland und Norwegen haben zwar weder auf dem Festland noch auf See eine gemeinsame Grenze, trotzdem ist der geschichtliche und geographische Abstand zwischen beiden Ländern nicht sehr groß. Kulturell, wirtschaftlich und politisch sind Deutsche und Norweger nahe Verwandte, und sie haben viele Gemeinsamkeiten.

Im Laufe der Jahrhunderte sind viele kulturelle Impulse und Erfahrungen aus europäischen Ländern über Deutschland nach Norwegen gelangt, und umgekehrt hat Deutschland sich durch die norwegische Literatur, Kunst und Wissenschaft bereichern lassen. Schon im Mittelalter war Deutschland der wichtigste Handels- und Wirtschaftspartner Norwegens, und so ist es auch in der Gegenwart. Im Laufe der Nachkriegszeit wurden die beiden Staaten zu wichtigen Partnern und Verbündeten in der europäischen und internationalen Politik.

Deutschland und Norwegen haben gemeinsame Interessen und vertreten - was die Sicherung von Frieden und Stabilität durch die Nato und die Vereinten Nationen betrifft - die gleichen Auffassungen. Dies gilt auch für den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr auf Grundlage einer zukunftsfähigen Umweltpolitik und einer vernünftigen Sozialpolitik. In der internationalen Politik sind demokratische Strukturen und Verfahren sowie die Achtung der Menschenrechte für beide Staaten wichtige Grundlagen.

Dies ist kurz umrissen der Hintergrund dafür, daß Norwegen seit einigen Jahren in allen Bereichen ein immer größeres Gewicht auf die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit mit Deutschland legt.

Außenpolitische Beziehungen

Deutschland hat in den letzten Jahren seine führende Stellung in Europa und seine Rolle als ein Schwerpunkt der Weltwirtschaft gefestigt. Deshalb gewinnt dieses Land auch als außenpolitischer Partner Norwegens immer mehr an Bedeutung. Dabei spielen nicht zuletzt folgende Faktoren eine wichtige Rolle: der bedeutsame Beitrag, den Deutschland bei den Verhandlungen zum Abkommen über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und den Beitritt Norwegens zur Europäischen Union für die Wahrnehmung der norwegischen Interessen geleistet hat, die umfassenden Handelsbeziehungen, die Entwicklung einer engen energie- und industriepolitischen Zusammenarbeit beider Staaten sowie die langjährige Kooperation bei der Wehrbeschaffung. Hinzu kommt Deutschlands Beitrag zur regionalen Zusammenarbeit in Norwegens geographischem Umfeld (Barents-Kooperation, Ostsee-Kooperation und Nordsee-Kommission). Auch der Wechsel der deutschen Hauptstadt von Bonn nach Berlin könnte sich positiv auf das Interesse Deutschlands für Nordeuropa auswirken.

Die norwegische Regierung sieht es als eine wichtige Aufgabe an, enge Beziehungen zu Deutschland zu pflegen. Ein Grund dafür ist, daß die Bundesrepublik in der EU eine führende Rolle spielt. Norwegen und die EU-Staaten sind sich in vielen Punkten einig, die die großen außenpolitischen Herausforderungen innerhalb Europas und der angrenzenden Länder

und Regionen betreffen: in und um Rußland, in den baltischen Staaten, in Mittel- und Osteuropa und am Mittelmeer. Der Einfluß der EU in diesen Gebieten nimmt zu; daher ist man von norwegischer Seite aus bestrebt, die norwegischen Auffassungen in den EU-Mitgliedstaaten und bei den EU-Gremien in Brüssel deutlich zu machen.

In Norwegen richtet man seit einiger Zeit den Blick wieder verstärkt auf Deutschland - die deutsch-norwegischen Beziehungen werden gepflegt und weiterentwickelt. So besuchten 1998 mehr als 40.000 Personen die große Ausstellung über Deutschland und Skandinavien im Volksmuseum in Oslo. Auch bei deutschen Besuchern hatte diese Ausstellung starken Anklang gefunden, als sie im Jahr davor in Berlin zu sehen war.

Auf norwegischer und deutscher Seite hat man sich zum Ziel gesetzt, die guten Beziehungen weiter auszubauen; die Zahl der gegenseitigen Besuche nimmt zu. Es wurden konkrete Schritte unternommen, das Interesse für Deutschland in Norwegen zu erhöhen und die Kenntnisse über dieses Land zu erweitern.

Entwicklung der politischen Beziehungen in der Nachkriegszeit

Der Zweite Weltkrieg stellt einen tiefgreifenden Einschnitt in den deutsch-norwegischen Beziehungen dar. Etwa 350.000 deutsche Offiziere und Soldaten hielten die ,,Festung Norwegen" 1940-45 besetzt. Rund 1.600 norwegische Staatsangehörige starben in deutscher Gefangenschaft. Mehr als 10.000 Norweger kamen kriegsbedingt ums Leben, und nur zwei Prozent der norwegischen Juden, die in deutsche Arbeits- und Vernichtungslager verschleppt worden waren, kehrten zurück. Der größte Teil des nördlichen Nordnorwegens (Finnmark und Nord-Troms) wurde beim Rückzug der deutschen Truppen zerstört (,,Taktik der verbrannten Erde").

Die Wiederherstellung des Vertrauensverhältnisses zwischen Norwegen und Deutschland nach 1945 mußte daher einige Zeit in Anspruch nehmen. Norwegen erkannte die neue, demokratische Bundesrepublik Deutschland kurz nach der Gründung am 23. Mai 1949 völkerrechtlich an. 1951 wurden in Bonn eine norwegische und in Oslo eine deutsche diplomatische Vertretung eingerichtet. Am 12. Januar 1952 hob König Haakon VII. den Kriegszustand mit Deutschland offiziell auf.

In den Jahren 1947-53 kamen fast 50.000 Norweger als Offiziere und Soldaten der sog. Deutschlandbrigade, einem Teil der britischen Besatzungstruppen, mit den Entbehrungen und dem Leid der deutschen Zivilbevölkerung in Berührung. Diese Erfahrungen machten es vielen Norwegern leichter, den früheren Feind zu Beginn des Kalten Krieges als Verbündeten zu akzeptieren.

Nach Ausbruch des Korea-Krieges unterstützte die norwegische Regierung den Aufbau der Bundeswehr im westeuropäischen Rahmen, obwohl sich eine politische Minderheit in Norwegen dagegen aussprach. 1954 beschloß das Storting, dem Beitritt der Bundesrepublik zur Nato zuzustimmen. Bald gehörten bundesdeutsche Offiziere dem damaligen Nato-Nordkommando bei Oslo an, in dessen Zuständigkeit auch die Verteidigung Schleswig-Holsteins fiel.

1953 kam der norwegische Außenminister Halvard Lange nach Bonn und leitete damit erneut politische Besuche und Gegenbesuche ein. Sein deutscher Amtskollege Heinrich von Brentano stattete Norwegen als erster prominenter deutscher Nachkriegspolitiker im Mai 1956 einen Besuch ab. 1965 kam mit Einar Gerhardsen dann wieder ein norwegischer Ministerpräsident in die Bundesrepublik - er besuchte Bonn, Köln, Wiesbaden, Nürnberg, Stuttgart und Berlin. Bundeskanzler Ludwig Erhard reiste im Jahr darauf zum Gegenbesuch nach Norwegen.

Eines der Gesprächsthemen bei solchen offiziellen Begegnungen war das Verhältnis zur Deutschen Demokratischen Republik. Die regierenden Christdemokraten in der Bundesrepublik wollten die DDR nicht als eigenständigen Staat anerkennen, während die norwegische und viele andere westliche Regierungen die Auffassung vertraten, ohne eine völkerrechtliche Anerkennung der kommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas würden auf längere Sicht weder eine Entspannung in Europa noch die deutsche Wiedervereinigung möglich sein. Bei den Beziehungen zur DDR zeigte Norwegen sich auf Wunsch der Bundesrepublik trotzdem eher zurückhaltend.

Am 21. Oktober 1969 wurde Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt. Kurz danach leitete er mit der neuen Ostpolitik die Annäherung an die von der Sowjetunion dominierten Staaten im Osten ein. Die norwegische Regierung unterstützte ihn hierbei und trug auf diese Weise auch zur engeren Zusammenarbeit zwischen Norwegen und der Bundesrepublik bei. Wie die übrigen westlichen Alliierten erkannte Norwegen 1974 den ostdeutschen ,,Arbeiter- und Bauernstaat" als Folge der Ostpolitik Willy Brandts an. Die Handelsbeziehungen zwischen Norwegen und der DDR und die offiziellen Besuche hielten sich jedoch sehr in Grenzen.

1970 stattete Willy Brandt Norwegen einen offiziellen Besuch als Bundeskanzler ab. Dies war ein Wendepunkt der deutsch-norwegischen Beziehungen und ein Zeichen dafür, daß ,,die Geschichte überwunden ist", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung anschließend schrieb.

Noch im gleichen Jahr kam auch Bundespräsident Gustav Heinemann nach Norwegen. Er sprach unter anderem offen über die deutsche Besatzungszeit. König Olav konnte während dieses Besuches feststellen, daß es an den Beziehungen zwischen den beiden Staaten nichts auszusetzen gebe. Zu den späteren Höhepunkten der offiziellen Begegnungen zählen der Besuch König Olavs in der Bundesrepublik im Jahre 1973, der Besuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Norwegen (1986), der Besuch von König Harald und Königin Sonja in Berlin, Dresden und Bonn (1994) und der Besuch von Bundespräsident Roman Herzog in Norwegen (1998).

Die enge politische Zusammenarbeit von Deutschland und Norwegen kommt auch in regelmäßigen gegenseitigen Besuchen unterhalb der obersten Ebene und durch die Einrichtung der Deutsch-Norwegischen Wirtschaftskommission, durch das Kulturabkommen (1956), die Kooperationsvereinbarung im Bereich der Wehrbeschaffung (1960), das Protokoll über die Zusammenarbeit in den Bereichen Industrie und Energie (1976) und das Protokoll über die Zusammenarbeit im Bereich der Forschung (1981) zum Ausdruck.

Die Wiederherstellung der deutschen Einheit war ein wichtiges Ereignis im Laufe eines Prozesses, der dazu führte, daß Norwegen 1993 den Beitritt zur Europäischen Union beantragte. Deutschland zählte zu den EU-Staaten, von denen die beitrittswilligen Länder, nicht zuletzt Norwegen, bei den Mitgliedschaftsverhandlungen am stärksten unterstützt wurden. So war es auch bei den davorliegenden Verhandlungen zum Abkommen über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gewesen. Das gute Verhältnis zwischen Norwegen und Deutschland hat sich auch später als besonders wertvoll erwiesen.

Die norwegische Botschaft in Deutschland hat seit Herbst 1999 ihren Sitz in Berlin. In Hamburg befindet sich ein norwegisches Generalkonsulat. Auch in Düsseldorf, Jena und Stuttgart gibt es norwegische Generalkonsulate, allerdings ohne von Norwegen entsandtes Personal (sog. Honorargeneralkonsulate). In Bremen, Frankfurt am Main, Hannover, Kiel, Leipzig, Lübeck, München und Rostock gibt es Honorarkonsulate. Der Norwegische Rat für Außenwirtschaft

ist in Düsseldorf vertreten. Dort ist auch der Norwegische Industrieattaché tätig.

Deutschland hat eine Botschaft in Oslo und Honorarkonsulate in Bergen, Bodø, Haugesund, Kirkenes, Kristiansund, Narvik, Stavanger, Svolvær, Tromsø und Trondheim. Die Deutsch-Norwegische Handelskammer hat ihren Sitz in Oslo, wo sich auch ein Goethe-Institut befindet.

,,Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind die allerbesten. Diese Beziehungen beruhen gegenwärtig auf einem starken Gemeinschaftsgefühl und gemeinsamen demokratischen und politischen Idealen. Während vieler hundert Jahre haben weitgespannte gemeinsame Interessen, ein gemeinschaftliches Kulturerbe und starke wirtschaftliche Bande die norwegisch-deutschen Beziehungen gekennzeichnet. Für die norwegische Kultur hat kaum ein anderes Land mehr bedeutet, und nur wenige andere Länder haben sich für kulturelle Eindrücke aus Norwegen so aufnahmebereit gezeigt."

Die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland bei der Feier zum 40jährigen Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Norwegen im Jahre 1989

,,Die deutsche Wiedervereinigung stellt eine Wende in der Geschichte Europas dar, an der alle Europäer ein großes Interesse haben, einerlei, in welchem Land des Kontinents sie leben."

Der damalige norwegische Ministerpräsident Jan P. Syse (1930-97) in seinem Glückwunschtelegramm an Bundeskanzler Helmut Kohl anlässlich der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990

Willy Brandt und Norwegen

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 verließen viele Deutsche ihre Heimat. Eine Reihe von ihnen flohen nach Skandinavien. Einer der ersten deutschen Emigranten in Norwegen war der spätere sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt (1913-92).Er blieb nach der Besetzung Norwegens durch deutsche Truppen (1940) zunächst im Lande, floh dann aber nach Schweden.

1957-66 war er Regierender Bürgermeister von Berlin, 1964-87 Vorsitzender der SPD, 1966-69 Außenminister und 1969-74 Bundeskanzler. Als Korrespondent norwegischer Zeitungen, als Verfasser einer großen Zahl von Aufsätzen und anderen Publikationen über deutsche Politik in norwegischer Sprache und nicht zuletzt als Norwegisch sprechender führender Politiker der Nachkriegszeit trug Willy Brandt entscheidend zur Wiederherstellung des Vertrauens zwischen Norwegen und der neuen, demokratischen Bundesrepublik Deutschland bei.

Ab Herbst 1999 befinden sich die Vertretungen der nordischen Staaten (Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland und Island) in der gemeinsamen Botschaftsanlage am Tiergarten in Berlin. Das Gemeinschaftsgebäude ,,Felleshuset" enthält u. a. die Rezeption, die Konsularabteilung, Ausstellungs- und Tagungsräume und eine Kantine. Außerdem hat jedes Land seine eigene Botschaftskanzlei. Für das Gesamtkonzept und das Gemeinschaftsgebäude zeichnet das Architekturbüro Berger + Parkkinen aus Wien verantwortlich. Beim Wettbewerb um die Gestaltung der norwegischen Botschaft war das Osloer Architektenbüro Snøhetta erfolgreich.

Dort erhielt er auf besonderen Beschluß der norwegischen Exilregierung in London die norwegische Staatsbürgerschaft. In Stockholm lernte er die Norwegerin Rut Hansen kennen, die er 1948 heiratete. 1947 schrieb die Osloer Tageszeitung Arbeiderbladet, es habe während des Krieges wohl kaum einen Norweger gegeben, der sich in der Öffentlichkeit so stark für Norwegen eingesetzt habe wie Willy Brandt.

Nach dem Krieg arbeitete Brandt zwei Jahre für norwegische und schwedische Medien. Unter anderem berichtete er von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. 1947 war er eine Zeitlang Presseattaché bei der norwegischen Militärmission in Berlin, bevor er sich Anfang 1948 wieder der deutschen Politik zuwandte.

Politische Impulse aus Deutschland

Im Zuge der industriellen Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert entstand eine politisch aktive Arbeiterklasse, die auch die norwegische Arbeiterbewegung beeinflußte. Dem norwegischen Gesetzgeber diente die deutsche Sozialpolitik als Vorbild, um eventuellen durch die Industrialisierung hervorgerufenen sozialen Unruhen vorzubeugen. Die 1894 in Norwegen beschlossenen Unfall- und Krankenversicherungsgesetze entsprachen in den Grundzügen den Sozialversicherungsgesetzen, die Reichskanzler Otto von Bismarck im deutschen Kaiserreich eingeführt hatte.

Die norwegische Arbeiterbewegung sympathisierte von Anfang an mit der marxistischen Theorie der sozialdemokratischen Linken in Deutschland und der politischen Praxis von u.a. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Das erste Parteiprogramm der Norwegischen Arbeiterpartei wies daher viele Gemeinsamkeiten mit dem Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokraten auf.

In den höheren Schulen Norwegens war Deutsch lange Zeit die wichtigste Fremdsprache. Führende Gruppen des kulturellen und geistigen Lebens in Norwegen pflegten den gedanklichen Austausch mit Gleichgesinnten in Deutschland.

Zur Zeit des Kaiserreichs waren es in Norwegen besonders die Konservativen, die sich mit dem offiziellen Deutschland identifizierten, während liberale und radikale Norweger mit der demokratischen Weimarer Republik sympathisierten. Ein Teil der norwegischen Rechten ließ sich von Hitler inspirieren, als dieser 1933 an die Macht kam.

In der Nachkriegszeit jedoch konnte die gute Zusammenarbeit zwischen deutschen und norwegischen demokratischen Parteien wieder aufgenommen werden, und zwar sowohl bilateral als auch im Rahmen der europäischen und internationalen Parteiorganisationen. Einige der Emigranten aus Hitler-Deutschland, die sich während des Krieges in Norwegen oder Schweden aufgehalten hatten und nach 1945 in ihre Heimat zurückkehrten, spielten eine zentrale Rolle in der neuen Bundesrepublik. Dies gilt nicht zuletzt für Willy Brandt und Herbert Wehner.

Norweger und Deutsche - Partner im Norden Europas

Von Gerd Walter Minister für Justiz, Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein

Norweger und Deutsche haben sich in ihrer gemeinsamen Geschichte immer wieder ergänzt und bereichert - und das seit mehr als einem halben Jahrtausend: die Handelsschiffe des Mittelalters; Verbindungen wie die zwischen Johan Christian Dahl und Caspar David Friedrich; Edvard Munch, der den deutschen und europäischen Expressionismus maßgeblich beeinflußte; die

vielfältigen Beziehungen in der Musik, in den Geistes- und Naturwissenschaften.

Deutschland hat immer wieder Schicksal für Norwegen gespielt. In der brutalen Zäsur 1940, der 12.000 Norweger zum Opfer fielen, ebenso wie mittelbar in der großen außenpolitischen Entscheidung des norwegischen Nato-Beitritts von 1949.

Heute zeigt sich: Der Nationalsozialismus hat Tod und Schrecken gebracht - die deutsch-norwegische Wahlverwandschaft aber hat er nicht zerstören können:

· Die wirtschaftlichen Beziehungen sind beeindruckend: Import und Export zwischen unseren beiden Ländern lagen in den ersten drei Quartalen 1998 bei 27 Mrd. norwegischen Kronen oder ca. 6,4 Mrd. DM.

· Jostein Gaarder ist heute aus der in Deutschland gelesenen Literatur nicht mehr wegzudenken - so wie Henrik Ibsens Peer Gynt im Deutschland der zwanziger Jahre das meistgespielte Theaterstück war.

· Die politischen Beziehungen sind harmonisch, fast familiär. Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik hat im Sommer des vergangenen Jahres beim Besuch des deutschen Bundespräsidenten gesagt, daß ,,abgesehen vielleicht von unseren nordischen Nachbarn (...) es kaum ein Land und eine Kultur (gibt), die über so lange Zeit einen so entscheidenden Einfluß auf die gesellschaftliche Entwicklung in Norwegen ausgeübt hat wie Deutschland."

Das Land Schleswig-Holstein versucht, seinen Beitrag dazu zu leisten. Dazu zählt die seit 1997 bestehende Partnerschaft mit Oslo, Akershus und den anderen Regionen des Oslo-Fjords (Østlandssamarbeidet). Das Schleswig-Holstein Musik Festival stellte 1997 Norwegen in den Mittelpunkt - und nicht nur die Musik Edvard Griegs. Eine Ausstellung im gleichen Jahr in Lübeck war Knut Hamsun gewidmet, der in Deutschland zu Weltruhm kam, lange bevor er in seine törichte Nähe zu Hitler geriet.

In Schleswig-Holstein hat die Ausrichtung auf den Norden und den Ostseeraum mittlerweile gute Tradition. Die Nordischen Filmtage in Lübeck sind dafür ebenso Ausdruck wie die jährlich stattfindenden Nordischen Literaturtage. Und dennoch gilt es, auch in Schleswig-Holstein gedankliche Barrieren zu überwinden. In einer Zeit, in der Grenzen keine Rolle mehr spielen und Kommunikation und Mobilität Menschen immer schneller zueinander bringen, müssen wir uns bewußt machen: Oslo ist nicht weiter von Kiel entfernt als Stuttgart, Kaliningrad nicht weiter als Saarbrücken, Göteborg nicht weiter als Düsseldorf.

Schleswig-Holstein muß deshalb seine Perspektive verändern. In Oslo, Danzig, Kaliningrad, Malmö und Kopenhagen morgen gute und verläßliche Partner zu haben, wird für die Politik dieses Landes genauso wichtig wie heute in Mainz, Hannover und Leipzig. Über das aufgebaute Netzwerk von Partnerschaften hinaus geht Schleswig-Holstein heute neue Wege: Gemeinsam mit Hamburg, Süd-Dänemark, Süd-Schweden und der Öresund-Region (Kopenhagen/Malmö) arbeitet Schleswig-Holstein an einem Entwicklungskonzept für die ,,Region Südliche Ostsee". Diese hat die Chance, sich zu einem Kraftzentrum im gesamten Ostseeraum zu entwickeln; ihre Entwicklungsperspektive schließt Göteborg ebenso mit ein wie die Oslofjord-Region.

Norweger und Deutsche teilen heute gemeinsame Interessen im Nordosten Europas. Hier muß sich im Kleinen beweisen, wie das größer gewordene Europa zusammenwachsen kann. Oder anders gesagt: Ohne eine stabile Ostseeregion wird es kein stabiles Gesamteuropa geben. Gemeinsam müssen die Ostseeanrainer die ostseeumspannenden Infrastrukturen (wieder) herrichten, Handelsbarrieren überwinden oder die Umweltprobleme im Ostseeraum beseitigen, wenn der Nordosten Europas seine Chance als ,,europäische Zukunftsregion" nutzen will. Gemeinsam müssen wir mit einer Stimme sprechen, wenn Ostseeinteressen in Brüssel auf dem Spiel stehen und vertreten werden müssen. Und gemeinsam müssen wir Rußland einbeziehen - insbesondere in die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf lokaler und regionaler Ebene -, weil es ohne Rußland keine stabile Neuordnung Europas geben kann.

Die Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Norwegern ist eine unverzichtbare Voraussetzung dafür.

Wirtschaft

Der norwegische Handel mit Deutschland blühte in der Nachkriegszeit stark auf. Schließt man den Energiebereich mit ein, war Deutschland in den vergangenen Jahren der weitaus größte Exportmarkt und der wichtigste Handelspartner Norwegens. Auch ohne den relativ neuen Bereich Erdöl und Erdgas ist Deutschland ein bedeutender Abnehmer norwegischer Erzeugnisse, ebenso wie Großbritannien und Schweden. 1998 wurden ohne Erdöl und Erdgas Waren für 22 Mrd. Kronen (rund 5 Mrd. DM) nach Deutschland exportiert, das heißt 12 Prozent des gesamten norwegischen Warenexports. Hinzu kommen nach norwegischer Berechnung Erdöl und Erdgas für 16,5 Mrd. Kronen (3,8 Mrd. DM), verteilt auf Erdöl für rund 5,6 Mrd. Kronen (1,3 Mrd. DM) und Erdgas für 10,7 Mrd. Kronen (2,4 Mrd. DM). Importiert wurden aus Deutschland im Jahre 1998 Waren für gut 38 Mrd. Kronen (8,6 Mrd. DM).

Erdöl und Erdgas spielen also eine sehr wichtige Rolle im norwegischen Export nach Deutschland. Norwegen war 1998 mit einem Marktanteil von ca. 22 Prozent der zweitgrößte Rohöllieferant Deutschlands (nach Rußland).

43 Prozent des norwegischen Erdgases gingen 1998 nach Deutschland. In diesem Bereich war Norwegen nach Rußland und den Niederlanden der drittgrößte Lieferant (Marktanteil in Deutschland 21 Prozent). Laut Prognosen wird der Export von norwegischem Erdgas nach Deutschland in den kommenden Jahren noch stark ansteigen. Es wird erwartet, daß der norwegische Marktanteil in Deutschland sich bis zum Jahr 2005 auf etwa 30 Prozent erhöhen wird.

Zu den wichtigsten herkömmlichen Exportgütern Norwegens zählen Metalle, Papier und Kartonagen, Fisch, verschiedene chemische Produkte und Fertigerzeugnisse. Aus Deutschland kommen vor allem Fahrzeuge, Maschinen und Geräte, Eisen und Stahl sowie Chemikalien nach Norwegen. Maschinen und Fertigerzeugnisse machen zwei Drittel des deutschen Exports nach Norwegen aus.

Deutschland ist auch ein wichtiger Abnehmer norwegischer Dienstleistungen. Deutschen Statistiken zufolge wurden 1998 Dienstleistungen für 9,6 Mrd. Kronen (2,2 Mrd. DM) aus Norwegen bezogen, umgekehrt waren es Dienstleistungen für 7,3 Mrd. Kronen (1,7 Mrd. DM).

In Deutschland sind etwa 130 norwegische Tochtergesellschaften mit einem norwegischen Besitzanteil von mehr als 50 Prozent registriert, bei den meisten handelt es sich um Verkaufsniederlassungen mit wenigen Beschäftigten. Es gibt nur relativ wenige Produktionsbetriebe mit norwegischen Eigentümern in Deutschland. Norsk Hydro hat sich seit 1985 zum größten norwegischen Investor in Deutschland entwikkelt. Diesem Unternehmen gehören unter anderem eine der weltweit größten Ammoniak- und Harnstoff-Fabriken in Brunsbüttel, eine Kunstdüngerfabrik in Rostock sowie Aluminiumpreßwerke in Berlin, Rackwitz und Ulm. Rund 12 Prozent des Gesamtumsatzes von Norsk Hydro stammen aus Deutschland. Auch der norwegische Konzern Kværner, der 1992 die Warnow-Werft in Rostock übernahm, und Aker RGI/Aker Maritime, die 1998 die MTW-Werft in Wismar übernahmen, zählen zu den größeren norwegischen Investoren in Deutschland.

Ende 1995 beliefen sich norwegische Investitionen in Deutschland auf 7,8 Mrd. Kronen

(1,8 Mrd. DM). Deutschland lag somit bei den norwegischen Auslandsinvestitionen an sechster Stelle. Aus Deutschland wurden 1995 4,6 Mrd. Kronen (knapp 1,1 Mrd. DM) direkt in Norwegen investiert. In Norwegen gibt es rund 120 Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen.

Deutsche Touristen spielen eine wichtige Rolle im norwegischen Fremdenverkehr. 1998 kamen 620.000 deutsche Gäste nach Norwegen. Sie machten damit vor den Schweden und Dänen die größte Gruppe ausländischer Übernachtungsgäste in Norwegen aus. Die Zahl der deutschen Touristen in Norwegen wird in den kommenden Jahren sicher noch steigen. Auch immer mehr Norweger reisen in die Bundesrepublik.

Für die Handelsbeziehungen zwischen Norwegen und Deutschland gilt das Abkommen über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Hierdurch ist Norwegen den EU-Staaten auf dem europäischen Binnenmarkt annähernd gleichgestellt, was den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen angeht.

Die aus höheren Beamten beider Staaten gebildete Deutsch-Norwegische Wirtschaftskommission tritt einmal jährlich zusammen, um wirtschaftliche Fragen bilateraler und multilateraler Art zu erörtern.

Aufgrund des Beschlusses der norwegischen Regierung, die Arbeit der diplomatischen und sonstigen Vertretungen Norwegens im Ausland stärker zu koordinieren, wurden auch die exportfördernden Maßnahmen in Deutschland im Herbst 1995 neu strukturiert. Der von der norwegischen Botschaft geleitete Wirtschaftsrat in Deutschland ist mit Vertretern des Generalkonsulats in Hamburg, anderer norwegischer Außenstellen (Rat für Außenwirtschaft, Exportausschuß für Fisch und Norwegisches Fremdenverkehrsamt und der Wirtschaft

(d.h. 17 Führungskräfte norwegischer Unternehmen und Schlüsselpersonen des deutsch-norwegischen Wirtschaftslebens) besetzt. Der Wirtschaftsrat beschließt jedes Jahr einen Exportplan für Deutschland. Diese Koordinierung des norwegischen Einsatzes hat sich als sehr fruchtbar erwiesen.

Zusammenarbeit in den Bereichen Energie und Industrie

Nach politischen Verhandlungen zwischen Deutschland und Norwegen wurde 1976 ein allgemeines Protokoll über die Zusammenarbeit in den Bereichen Energie und Industrie unterzeichnet. Auf norwegischer Seite war man in erster Linie an einer Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Industrieunternehmen beider Länder interessiert, und zwar insbesondere an der Ansiedlung deutscher Niederlassungen und der Förderung deutscher Investitionen in Norwegen. Der deutschen Seite ging es vor allem um die Lieferung von Erdöl und Erdgas aus Norwegen, um Lizenzen für den norwegischen Festlandsockel und um Lieferungen im Offshore-Bereich. Die Zusammenarbeit führte unter anderem zur Gründung der Deutsch-Norwegischen Handelskammer in Oslo (1986).

Schon 1977 erhielt die deutsche Erdölgesellschaft Deminex Lizenzanteile auf dem norwegischen Festlandsockel. Heute verfügt dieses Unternehmen über Anteile an insgesamt 13 Blöcken des norwegischen Schelfs und wurde bei der 13.

Lizenzvergabe auch zum Betreiber bestimmt. Der größte deutsche Abnehmer von norwegischem Erdgas ist die Ruhrgas AG, die das kontinentaleuropäische Bezugskonsortium leitet, ohne allerdings selbst an den Offshore-Aktivitäten in der Nordsee beteiligt zu sein.

Im übrigen wurden Vereinbarungen über den gegenseitigen An- und Verkauf von elektrischer Energie zwischen Deutschland und Norwegen getroffen. Zwei Hochspannungskabel sollen ab 2003 die direkte Stromübertragung zwischen den beiden Staaten ermöglichen. Bis dahin erfolgt die Übertragung über Dänemark und Schweden.

Zwei der Gaspipelines im weitverzweigten Rohrleitungsnetz der Nordsee - Norpipe und Europipe - führen nach Emden. Auch für die im Bau befindliche Europipe II (Fertigstellung voraussichtlich 1999) ist Emden der Anschlußpunkt in Deutschland.

Zusammenarbeit im Bereich Wehrbeschaffung

Deutschland ist im Bereich der Wehrbeschaffung einer der wichtigsten Partner Norwegens. Die erste diesbezügliche Vereinbarung auf Regierungsebene wurde 1960 abgeschlossen. Sie wurde 1970 verlängert und 1979 noch erweitert. In der derzeit gültigen Vereinbarung stehen die Stärkung der Zusammenarbeit bei der Wehrbeschaffung, die Nutzung der technologischen und industriellen Möglichkeiten in beiden Staaten, die Förderung einer intensiveren Kooperation von deutschen und norwegischen Industrieunternehmen sowie eine Standardisierung und gemeinsame Verwendbarkeit im Vordergrund.

Im Rahmen dieser Zusammenarbeit hat Norwegen Panzer, Artilleriegeschütze, Material für Behelfsbrücken, Kraftfahrzeuge und U-Boote aus Deutschland bezogen.

Deutsche Firmen haben sich auch um die Lieferung von Kampfflugzeugen und Fregatten für die norwegischen Streitkräfte beworben.

Der Stand der Zusammenarbeit im Bereich Wehrbeschaffung wird alljährlich von den Verteidigungsministern der beiden Staaten erörtert.

Norwegischer Erdgasexport 1997, nach Abnehmerstaaten (Export insgesamt: 42,3 Mrd. Kubikmeter)

Aker RGI und Aker Maritime übernahmen Anfang 1998 die MTW-Werft in der Ostseestadt Wismar.

Plakat des Norddeutschen Lloyd Bremen, der ab 1908 Kreuzfahrten nach Norwegen veranstaltete

Pipelines in Norddeutschland, unter anderem für Erdgas aus dem norwegischen Sektor der Nordsee. Das norwegische Erdölunternehmen Statoil ist Miteigentümer der Netra-Pipeline zwischen Etzel und Salzwedel.

Sam Eyde und Deutschland

Der norwegische Industrielle und Geschäftsmann Sam Eyde (1866-1940) absolvierte in Deutschland sein Universitätsstudium und legte 1891 in Berlin die Prüfung als Bauingenieur ab. Dieses Unternehmen stellte Kunstdünger nach einem Verfahren her, das der ebenfalls in Deutschland ausgebildete Physiker Kristian Birkeland entwickelt hatte. Eyde und Birkeland begründeten damit die norwegische Stickstoffindustrie. Beide hielten zeitlebens ihre Verbindungen zu den technisch-industriellen Fachkreisen in Deutschland aufrecht. Birkeland wurde 1908 die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Dresden verliehen und Eyde 1911 die der Technischen Hochschule Darmstadt. Letzterer entwarf im übrigen die Industrieanlagen und Arbeiterwohnungen der norwegischen Stadt Rjukan nach deutschen Vorbildern.

Anschließend arbeitete er bis 1897 als Ingenieur in Deutschland und leitete dann zusammen mit O.C. Gleim seine eigene Firma, bis er 1903 nach Norwegen zurückkehrte. 1904 gründete er die Norske Aktieselskab for Elektrokemisk Industri (Elkem) und 1905 die Norsk Hydro-Elektrisk Kvælstofaktieselskab (Norsk Hydro).

Die Hanseaten

Vom 13. bis zum 16. Jahrhundert beherrschten deutsche Kaufleute - die Hanseaten - den norwegischen Außenhandel. Der Außenhandel im Mittelalter hatte auch die Funktion, Wissen über das Christentum und das kirchliche Leben, über allgemeine gesellschaftliche Strukturen auf dem Kontinent sowie über Kunst und Handwerk ins Land zu bringen. Besonders im 14. und 15. Jahrhundert, der klassischen Hansezeit, kamen die stärksten Impulse zur Internationalisierung Norwegens aus Deutschland. Weder vorher noch nachher hat Deutschland eine so große Rolle für die Entwicklung der norwegischen Gesellschaft gespielt wie in jenen Jahrhunderten.

Die Hanse in Nordeuropa gliederte sich in regionale Städtebünde und organisierte sich in den Jahren um 1350-1360 mit dem Hansetag als übergeordnetem Gremium. Die Hanseaten errichteten um 1356 Kontore im Ausland, die dem Hansetag unmittelbar unterstellt waren (in der wichtigsten norwegischen Export- und Handelsstadt Bergen, in Nowgorod, London und Brügge). Ab Mitte des 14. Jahrhunderts kam praktisch das gesamte nach Norwegen importierte Getreide aus den deutschen Ostseestädten. Mitte des 15. Jahrhunderts lebten etwa 1.000 Deutsche auch im Winter in Bergen; im Sommer hielten sich oft insgesamt 2.000 hanseatische Kaufleute in der Stadt auf. Dies war damals ein recht großer Teil der 6.000 Einwohner zählenden städtischen Bevölkerung.

Lübeck, Bremen und andere Hansestädte erhielten in Norwegen weitreichende Privilegien;

deutsche Kaufleute und Handwerker gründeten in einzelnen Städten (nicht zuletzt in Bergen) eigene, geschlossene Gemeinschaften. In Wirklichkeit handelte es sich hierbei um deutsche kulturelle Niederlassungen in Norwegen. Viele sagten sich von den deutschen Gemeinschaften los und ließen sich für immer außerhalb derselben nieder. Wahrscheinlich war es diese Gruppe, die die deutsche Kultur am aktivsten in Norwegen verbreitete.

Die Ergebnisse dieses Wirkens sind leicht zu erkennen, besonders an und in den Kirchen Nord- und Westnorwegens. So hat man in norwegischen Kirchen aus dem Mittelalter etwa 150 herausragende, von deutschen Künstlern geschaffene Kunstwerke aus der Zeit nach 1450 registriert, davon mehr als die Hälfte in Nordnorwegen.

Auch in Ostnorwegen bestanden enge Beziehungen zwischen Norwegern und Deutschen. Hier kamen die Deutschen vorwiegend aus Rostock und Stralsund, während sie in Westnorwegen meist aus Lübeck und Bremen stammten. Deutsche Kaufleute und Handwerker organisierten im 14. Jahrhundert eigene Faktoreien (Handelsvertretungen) in Tønsberg und Oslo, die dem Lübecker Stadtrat unterstanden. Verglichen mit den Verhältnissen in Bergen und Trondheim war der Kontakt zu den Einwohnern bei weitem nicht so stark reglementiert, und es wurden weniger drastische Sanktionen gegenüber Deutschen verhängt, die eine Norwegerin heirateten, Norweger wurden und sich als Gewerbetreibende niederließen. Vielen von ihnen wurden hohe Ämter übertragen, z. B. Ratsherr oder Bürgermeister.

Kulturelle Beziehungen

Die engen Beziehungen auf dem Gebiet der Kultur zwischen Deutschland und Norwegen reichen weit in die Geschichte zurück und sind Teil der gemeinsamen europäischen und vor allem der nordeuropäischen Kulturgeschichte. Lange Zeit erfolgte der norwegische Kontakt mit dem europäischen Geistes- und Wissenschaftsleben über Deutschland.

Deutsch und Norwegisch sind eng verwandte germanische Sprachen. Beide Völker hatten im frühen Mittelalter eine gemeinsame Mythologie. Zu Beginn der Wikingerzeit kamen wichtige kulturelle Impulse aus dem Süden und Südosten nach Norwegen. Schon seit dem 9. Jahrhundert

hatten die Erzbischöfe, zuerst von Hamburg und dann von Bremen, mit Unterstützung des Papstes in Rom Anspruch auf die kirchliche Oberherrschaft über die nordeuropäischen Länder erhoben. Die Christianisierung der Küstengebiete Ostnorwegens erfolgte vor etwa tausend Jahren von Deutschland aus. Um das Jahr 1104 führte König Magnus der Gute (Magnus den Gode) den ersten deutschen Bischof in sein Amt in Norwegen ein.

Im Spätmittelalter beherrschten die Hanseaten nicht nur den norwegischen Außenhandel, sondern auch den kulturellen Austausch mit dem Ausland (siehe S. 16) - mit dem Ergebnis, daß in dieser Zeit ein Strom von Lehnwörtern und anderen aus dem Deutschen stammenden sprachlichen Veränderungen ins Norwegische aufgenommen wurde.

Die in Norwegen lebenden Deutschen gehörten zu den ersten, die im 16. Jahrhundert Luthers Lehre ins Land brachten. Zum Teil wurde das Luthertum direkt propagiert, nicht zuletzt unter den Hanseaten in Bergen. Die Einführung des Protestantismus im Jahre 1536 führte allmählich dazu, daß norwegische Gemeinden deutsche Kirchenlieder in dänischer Übersetzung sangen und daß sich die Bibel und andere religiöse Schriften in einem vom Deutschen geprägten, dänischen Sprachgewand verbreiteten.

Im 17. Jahrhundert war die Stellung der Deutschen in den meisten norwegischen Städten immer noch stark, weshalb sich allmählich eine eigene Stadtkultur mit deutschem Gepräge herausbilden konnte, die neben dem Bürgerstand der Städte auch den Adel, die Beamtenschaft und die Oberschicht in Sägewerken und Fabriken umfaßte. Darüber hinaus dienten im norwegischen Heer viele deutsche Offiziere.

Während des 17. und 18. Jahrhunderts herrschten unter den ausländischen technischen und künstlerischen Fachkräften, von denen Norwegen abhängig war, die Deutschen vor, u.a. in den Bergwerken und Glashütten sowie in der keramischen Industrie. Die lutherische Kirchenordnung führte dazu, daß deutsche Vorbilder eine noch stärkere Rolle für die kirchliche Architektur und Kunst sowie für das Kunsthandwerk spielten. Als Beispiel dafür sei die protestantische Zentralkirchenform genannt, die aus Deutschland stammte und die in Norwegen ihre eindrucksvollste Ausformung in der Kirche von Kongsberg erfuhr, welche heute die größte und am besten erhaltene Barockkirche Norwegens ist und die in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts von dem Deutschen J. A. Stukenbrock entworfen wurde. Die Orgel der Kirche wurde von dem Deutschen Gottfried Heinrich Gloger gebaut und war 1760 fertig.

Der kulturelle Austausch zwischen Deutschland und Skandinavien sollte im 19. Jahrhundert und bis etwa 1930 ein neues goldenes Zeitalter erleben. Die deutschsprachigen Gebiete übten damals den mit Abstand stärksten kulturellen Einfluß auf Norwegen aus und trugen gleichzeitig maßgeblich zu einer Ausbreitung norwegischer und nordeuropäischer Kultur in Europa bei.

Die Kirche von Kongsberg, die von dem Deutschen J. A. Stukenbrock in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts entworfen wurde, ist die größte und am besten erhaltene Barockkirche Norwegens.

Kunstgewerbe

Der dänisch-deutsch-mitteleuropäische Einfluß auf Norwegen blieb jedoch nicht auf die obersten Gesellschaftsschichten beschränkt. Schon früh fanden Berufsweber aus Schleswig-Holstein und anderen norddeutschen Gebieten in allen Landesteilen Norwegens lernwillige Schülerinnen. Der technische und künstlerische Fachstab an norwegischen Glashütten bestand ausschließlich aus Ausländern. Die meisten von ihnen sprachen Deutsch. Als Peter Hofnagel im Jahre 1759 bei Halden die Fayence-Fabrik Herrebøe (Herrebøe fajansefabrikk) gründete, stammte die gesamte fachliche Oberschicht zunächst aus Deutschland. Insgesamt gesehen war das damalige nordeuropäische Kunsthandwerk in großem Umfang Ausdruck einer gemeinsamen Kultur.

Im 18. und 19. Jahrhundert hielten neue deutsche geistige Strömungen Einzug in die norwegische Kunst, Wissenschaft und Forschung. Dies betraf nicht zuletzt die Nationalromantik, die von Johann Gottfried Herder und den Gebrüdern Grimm inspiriert worden war.

Der in Stavanger geborene Naturforscher und Philosoph Henrik Steffens (1773-1845) arbeitete als Professor in Halle, Breslau und Berlin und war ein wichtiger Vermittler der deutschen Nationalromantik in Skandinavien. Mit seinen 1802-1804 in Kopenhagen gehaltenen Vorlesungen trug er maßgeblich dazu bei, daß sich diese Denkweise von Deutschland aus nach Dänemark und Norwegen hin ausbreitete (zur Henrik-Steffens-Gastprofessur in Berlin siehe S. 21).

Andererseits suchten viele Deutsche des 19. Jahrhunderts ihre Wurzeln im Norden. Die Gebrüder Grimm zeigten großes Interesse für die Edda, die Fridtjofssage des schwedischen Dichters Esaias Tegnér wurde in Tausenden von Exemplaren in Deutschland verkauft, König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen erwarb auf Bitten Johan Christian Dahls die Stabkirche von Vang und ließ sie in der Nähe des heute polnischen Ortes Bierutowice (Brückenberg) wieder neu errichten, und gegen Ende des Jahrhunderts war es in der deutschen Oberklasse große Mode, in den ,,Norden" zu reisen, wobei sich Kaiser Wilhelm II. als der eifrigste ,,Nordlandfahrer" erwies.

Malerei

Die norwegische Malerei des 19. Jahrhunderts war eng mit der deutschen verbunden. Johan Christian Dahl reiste 1818 nach Dresden, wo er den Rest seines Lebens verbrachte, ab 1824 als Professor an der dortigen Akademie. Auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben norwegische Künstler ihren Platz im deutschen Kulturleben gefunden. Besonders in den 80er Jahren reisten viele junge bildende Künstler nach Berlin. Viele von ihnen leben und arbeiten immer noch in Deutschland.

Dies gilt unter anderem für den Maler Olav Christopher Jenssen, der 1992 zur Teilnahme an der documenta IX in Kassel eingeladen wurde. Seit 1996 ist Jenssen Professor für Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Das Milieu um die Kunstakademie Düsseldorf zieht auch heute junge norwegische und nordeuropäische Künstler an. Doch gehen Inspiration und Einfluß in beide Richtungen, weshalb sich mehrere deutsche Künstler in Norwegen niedergelassen haben. Der in den 30er Jahren als politischer Flüchtling nach Norwegen gekommene Rolf Nesch (1893-1975) erhielt später die norwegische Staatsbürgerschaft und wurde zu einem der angesehensten Maler seines neuen Heimatlandes.

,,Von unseren Juristen, Philosophen, Theologen und Technikern sind fast alle deutsch geformt. (...) Der deutsche Einfluß ist in unserem Land weiter verzweigt und geht tiefer als jeder andere. Unsere Künstler leben in enger Verbindung zu Deutschland: Bjørnson, Ibsen, Kielland, Garborg, Grieg - sie alle haben in Deutschland ein erstrangiges Publikum."

Jørgen Løvland, norwegischer Aussenminister, in einem Brief an Fridtjof Nansen im Herbst 1906

Zeitweise wohnte er mit dem bekannten deutschen Maler der Nationalromantik Caspar David Friedrich zusammen. Dahl ermunterte auch Thomas Fearnley, nach Dresden zu kommen. Adolph Tidemand lebte von 1845 bis zu seinem Tode in Düsseldorf, Hans Gude verbrachte den größten Teil seines Lebens in Düsseldorf, Karlsruhe und Berlin, und Erik Werenskiold, Eilif Peterssen, Harriet Backer und Kitty Kielland verbrachten kürzere und längere Perioden in München.

Die Ausstellung des jungen Edvard Munch im konservativen Berlin des Jahres 1892 wurde ein großer Skandal. Sie wurde nach nur sieben Tagen geschlossen, doch verhalf es ihm zum internationalen Durchbruch, daß er so ins Gerede gekommen war. Künstlerfreundschaften zwischen Deutschen und Norwegern blühten in Berlin, besonders in dem Kreis, der in der Gastwirtschaft ,,Zum schwarzen Ferkel" zusammenkam und in dem Edvard Munch, Gunnar Heiberg, Christian und Oda Krohg, Axel Maurer, Gabriel Finne und andere norwegische und nordeuropäische Künstler, nicht zuletzt auch August Strindberg, aktiv waren.

Edvard Munch lebte und arbeitete 1907-1908 etwa anderthalb Jahre lang in Warnemünde.

Der 1994 gegründete Förderverein Munch-Haus e.V. eröffnete 1998 in Warnemünde das Munch-Haus, wo deutsche und norwegische Künstler, unterstützt durch Stipendien, mit dem Ziel arbeiten, den künstlerischen Dialog zwischen Deutschland und Norwegen zu vertiefen. Hauptsponsoren des Fördervereins sind das norwegische Unternehmen Kværner sowie die Verbundnetz Gas AG. Das Munch-Haus steht unter der Schirmherrschaft der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und der Präsidentin des norwegischen Parlaments Kirsti Kolle Grøndahl.

Akademische Impulse

Im Spätmittelalter besuchten norwegische Studenten gerne norddeutsche Universitäten, besonders die von Rostock. Im 19. Jahrhundert orientierten sich große Teile der akademischen und kulturellen Elite Norwegens an Deutschland. Die akademischen Fächer - Geistes- und Naturwissenschaften, Medizin und Jura - verfügten über enge Kontakte zu Deutschland. Die norwegische und die deutsche Philologie hatten ihre gemeinsame Grundlage im Germanischen, die Theologie hatte ihren gemeinsamen Ursprung bei Luther, innerhalb der Rechtswissenschaft (nach Schweigaard) trugen deutsche Wissenschaftler zur Erneuerung der norwegischen Rechtsgeschichte bei, und norwegische Juristen ließen sich von der deutschen ,,konstruktiven Methode" inspirieren. Die norwegische Philosophie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand unter dem Einfluß des Hegelianers Prof. Marcus Jacob Monrad. Nach Monrads Tod im Jahre 1897 gaben andere deutschinspirierte Richtungen den Ton an. Etwa die Hälfte aller im Zeitraum 1830-1900 von norwegischen Wissenschaftlern unternommenen, mit Stipendien finanzierten Reisen führte nach Deutschland.

Auch die akademische Ausbildung in Norwegen war stark von deutschen Ideen beeinflußt.

Die Universität Oslo (bis 1925 Christiania) wurde nach ,,dem deutschen Universitätsmodell" und unter besonderem Einfluß aus Göttingen aufgebaut. Die Vorbilder für die norwegischen Universitätsfächer Sozialökonomie, Sprachwissenschaft und Geschichte waren ebenfalls deutsch. Dies galt im Großen und Ganzen lange Zeit auch für die chemische Berufsausbildung und andere Fachrichtungen, aber auch für die gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstandene chemische und elektrochemische Industrie. Die Architekten waren entweder deutsch oder sie hatten in Deutschland studiert. Als die norwegische Hauptstadt Christiania ab den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in großem Maßstab erweitert wurde, geschah dies in Übereinstimmung mit den vorherrschenden deutschen Vorstellungen auf dem Gebiet der Stadtplanung.

Anläßlich des Norwegen-Besuches von Bundespräsident Roman Herzog im Juni 1998 wurde eine von norwegischer Seite finanzierte Henrik-Steffens-Gastprofessur für deutsch-norwegische Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin eingerichtet. Diese Gastprofessur dürfte einen wichtigen Beitrag zur weiteren Entwicklung der wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Norwegen leisten.

Musik

Auf dem Gebiet der Musik waren die Beziehungen zwischen Norwegen und den anderen europäischen Ländern schon immer gut entwickelt. Die Beziehungen zu Deutschland nahmen dennoch eine Sonderstellung ein. In Ermangelung eigener Musiker mußte Norwegen im 18. und 19. Jahrhundert deutsche Musiker ins Land holen. Für norwegische Talente, die den Wunsch hatten, Berufsmusiker zu werden, waren die Ausbildungsmöglichkeiten in Norwegen beschränkt. Zwischen 1843 und dem Zweiten Weltkrieg war das Konservatorium in Leipzig die wichtigste Lehrstätte für norwegische Studierende in diesem Bereich. Dank dieser Verbindung zum deutschen Musikleben konnten norwegische Interpreten und Komponisten wie Ole Bull, Edvard Grieg, Johan Svendsen und viele andere international bekannt werden. Rikard Nordraak, der in Berlin studiert hatte, lebte dort bis zu seinem Tode im Jahre 1866. Das heißt, daß die Melodie der norwegischen Nationalhymne Ja, vi elsker in Berlin entstand.

Edvard Grieg war erst 15 Jahre alt, als er im Herbst 1858 seine Studien am Konservatorium in Leipzig begann. Vier Jahre später kehrte er als versierter Pianist und Komponist in seine Heimat zurück. Der Leipziger Musikverlag Peters trug zum späteren Weltruhm des Komponisten bei. Dieser schloß 1889 einen umfassenden Vertrag mit dem Verlag ab, dem auf diese Weise durch Griegs zunehmende Popularität ein Vermögen zufloß. Diese geschäftliche Beziehung führte Grieg oft nach Leipzig, wo er auch Musiker und Komponistenkollegen aus ganz Europa traf. Seine Besuche in Leipzig dauerten bis zu einem halben Jahr und hielten bis 1906 an. 1907 fand in der

Stadt ein berühmtes Künstlertreffen statt, als Christian Sinding, Johan Halvorsen, Edvard Grieg, Frederick Delius, Johannes Brahms und Peter Tschaikowsky bei dem russischen Violinisten Adolph Brodskij zusammenkamen, um einander ihre Werke vorzustellen und persönliche Freundschaften zu vertiefen. Seit 1995 gibt es eine Deutsche Edvard-Grieg-Gesellschaft, die ihren Sitz in Münster hat.

Die Kompositionen und die pädagogische Arbeit von in Deutschland geborenen Komponisten und Musikern wie Friedrich Georg Reissiger und Carl Arnold waren für die Herausbildung eines eigenständigen norwegischen Musiklebens von großer Bedeutung. Unter anderem halfen sie dabei mit, norwegische Volksmusikstücke zu sammeln und aufzuzeichnen. Dieser Austausch wirkte sich sowohl auf das deutsche wie auch auf das norwegische Musikleben positiv aus.

Auch heute sind die deutsch-norwegischen Musikkontakte eng. Werke aus Norwegen standen 1997 während des internationalen Schleswig-Holstein Musik Festivals im Mittelpunkt. An deutschen Musikhochschulen unterrichten mehrere Norweger im Fach Klassische Musik, so zum Beispiel Einar Steen-Nøkleberg, der Professor an der Hochschule für Musik und Theater Hannover ist. Jon Bara Johansen ist Gastdirigent mehrerer Berliner Orchester, unter anderem an der Komischen Oper. Viele junge norwegische Musiktalente studieren in Deutschland. Norwegische Orchester und Solisten wie Leif Ove Andsnes, Ole Edvard Antonsen, Truls Mørk und Lars A. Tomter sind, neben Opernsängern wie Knut Skram, in deutschen Konzertsälen immer wieder beliebte Gäste.

Auf dem Gebiet des Jazz hat nicht zuletzt Jan Garbarek in Deutschland ein großes Publikum für sich gewonnen. Für den internationalen Erfolg Garbareks war seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Produzenten Manfred Eicher und dessen Schallplattenfirma ECM von großer Bedeutung. Darüber hinaus haben Eicher und ECM vielen anderen norwegischen Jazzmusikern wie Terje Rypdal, Arild Andersen und Ketil Bjørnstad in Deutschland zum Durchbruch verholfen.

Literatur

Im 19. Jahrhundert spielte Literatur aus Nordeuropa in Deutschland eine große Rolle. Bücher nordeuropäischer Autoren erzielten hohe Auflagen. Die Theaterbühnen Berlins führten Stücke der modernen skandinavischen Dramatiker Ibsen, Strindberg und Bjørnson auf. Besonders in der Zeit von etwa 1870 bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts erlebte die norwegische und nordeuropäische Literatur im kulturellen Leben Deutschlands ihr goldenes Zeitalter. 1868 ließ sich Henrik Ibsen in Dresden nieder, 1875 zog er nach München um und wohnte dort, bis er 1891 nach Norwegen zurückkehrte. Arne Garborg verbrachte die Winter 1889/90 und 1890/91 in Deutschland.

Norwegische Autoren von Weltformat - in erster Linie Henrik Ibsen, Bjørnstjerne Bjørnson, Knut Hamsun und später Sigrid Undset - gingen voran und eröffneten anderen Autoren die Möglichkeit, übersetzt zu werden und ebenfalls große Achtung und Anerkennung zu gewinnen. Als Beispiel können Hans Jæger, Amalie Skram, Arne Garborg, Alexander Kielland sowie später Olav Duun, Johan Falkberget und Mikkjel Fønhus genannt werden. Allein für die Veröffentlichung der Werke Hamsuns in Deutschland wurde ein neuer Verlag gegründet (Verlag von Albert Langen München). Dieser gab außerdem die Zeitschrift Simplicissimus heraus, durch die der norwegische Karikaturist Olaf Gulbransson in Deutschland so beliebt wurde.

Auch in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg wurde in Deutschland viel norwegische Literatur übersetzt und herausgegeben, meist von kleineren Verlagen und nicht unbedingt mit hohen Auflagen.

Aber 1993 weckte Jostein Gaarders ,,Sofies Welt" in Deutschland ein erneutes Interesse an norwegischer Literatur. Lange Zeit lag dieser Titel an der Spitze der deutschen Bestsellerliste. 1995 folgten ihm Erik Fosnes Hansens ,,Choral am Ende der Reise" und Gaarders ,,Das Kartengeheimnis" in die Bestsellerlisten.

In den Jahren 1996, 1997 und 1998 wurden mehr norwegische Bücher - sowohl von älteren als auch von modernen Autoren - auf deutsch herausgegeben als je zuvor. Das große Interesse galt nicht nur der traditionellen Belletristik, sondern auch Kriminalromanen und nicht zuletzt der Kinder- und Jugendliteratur. Ibsens Theaterstücke gehören heute noch zu den auf deutschen Bühnen meistgespielten Werken.

Doch sind die literarischen Impulse, die von Deutschland nach Norwegen kamen, mindestens ebenso umfangreich. Die Nationalromantik übte einen entscheidenden Einfluß auf die Generation großer norwegischer Künstler und Wissenschaftler aus, die in den 40er und 50er Jahren des 19. Jahrhunderts ihre Hauptschaffensperiode hatten: Ivar Aasen, P. C. Asbjørnsen und J. Moe, J. S. Welhaven und viele andere. Deutsche Autoren und literarische Strömungen waren in Norwegen weit verbreitet.

Offizielle kulturelle Zusammenarbeit und Austauschprogramme

Im heutigen Deutschland steigt das Interesse für die norwegische und skandinavische Kultur und Gesellschaft erneut an. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts waren norwegische Schriftsteller, bildende Künstler, Musiker und andere Kunstschaffende auf dem deutschen Markt zum Teil sehr erfolgreich.

Der Großteil des deutsch-norwegischen Kulturaustauschs und der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern auf kulturellem Gebiet erfolgt heutzutage informell auf nichtstaatlicher Grundlage. Die offizielle kulturelle Zusammenarbeit reicht bis 1956 zurück, als Norwegen als eines der ersten europäischen Länder mit der Bundesrepublik Deutschland einen Vertrag über die kulturelle Zusammenarbeit abschloß. Heute umfaßt der Vertrag den Austausch von Wissenschaftlern, Studenten und Schülern.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und der Norwegische Forschungsrat (Norges Forskningsråd) sind für den Austausch von Gastdozenten und die Durchführung kürzerer Studienaufenthalte von Forschern und Stipendiaten verantwortlich.

In der Regie des Forschungsrats liegen auch die deutsch-norwegischen Stipendienprogramme der deutschen Ruhrgas AG und der deutschen Erdölgesellschaft Deminex. Ruhrgas und Deminex bieten unter anderem norwegischen Forschern und Studenten Stipendien für einen Deutschlandaufenthalt an (siehe auch S. 25).

In Deutschland kann an sechzehn Universitäten Norwegisch studiert werden. An vier Universitäten halten Gastlektoren aus Norwegen Lehrveranstaltungen. Zur Zeit sind etwa 1.100 norwegische Studierende an deutschen Universitäten eingeschrieben.

Ruhrgas-Stipendien: Brücken, die verbinden

Für die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern im akademischen, wissenschaftlichen und kulturellen Bereich bildet das von der führenden deutschen Gasgesellschaft Ruhrgas AG, Essen, geförderte Deutsch-Norwegische Stipendienprogramm ein wichtiges Element. Die langfristig angelegten ökonomischen Beziehungen auf dem Gebiet der Gaswirtschaft - die Ruhrgas AG ist der größte Erdgaskunde Norwegens - werden durch die Ruhrgas-Stipendien ergänzt.

Es wurden drei Stipendienprogramme eingerichtet, die seit 1984 den akademischen und wissenschaftlichen Austausch fördern. Sie bilden die grenzüberschreitenden Brücken zwischen denen, die die Stipendien für ihre Ausbildung oder für ihre wissenschaftliche Arbeit genutzt haben. Es handelt sich um folgende Programme :

Deutsch-Norwegisches Stipendienprogramm für Wirtschaftswissenschaften (seit 1984)

Deutsch-Norwegisches Stipendienprogramm für Geschichtswissenschaften (seit 1986)

Deutsch-Norwegisches Stipendienprogramm für Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Europarecht (seit 1985)

Diese drei Programme ermöglichten bisher eine große Zahl von Studien- und Forschungsaufenthalten für Studenten, Graduierte und Wissenschaftler. Zahlreiche Fachkonferenzen und regelmäßige Seminare wurden veranstaltet und haben ein enges Netzwerk für die wechselseitigen Beziehungen geschaffen. Insgesamt haben bis heute ca. 900 norwegische und auch deutsche Stipendiaten die Programme genutzt, insbesondere die Möglichkeit eines einjährigen Studienaufenthalts für norwegische Studenten und Graduierte an Hochschulen in Deutschland. Bis heute konnten zur Finanzierung der drei Programme insgesamt rd. 12 Mio. DM zur Verfügung gestellt werden.

Die Stipendienprogramme werden fachlich und organisatorisch vom Norwegischen Forschungsrat (Norges Forskningsråd) und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gemeinsam betreut. Ein deutsch-norwegischer Beirat, dem Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und dem öffentlichen Leben beider Länder angehören, verfolgt die Entwicklung der Stipendienprogramme. Aus Anlaß seiner Sitzungen finden regelmäßig Veranstaltungen im Munch-Museum in Oslo statt, bei denen prominente Redner aus Deutschland zu aktuellen Themen sprechen.

Sie kurbelte die Nachfrage in Deutschland an

Gabriele Haefs übersetzt norwegische Literatur ins Deutsche

Interview von Asbjørn Svarstad, freiberuflicher norwegischer Journalist in Deutschland

Gabriele Haefs ist die inoffizielle ,,literarische Botschafterin" Norwegens in Deutschland. In den vergangenen 15 Jahren hat sie mehrere hundert Bücher von insgesamt 50 norwegischen Autorinnen und Autoren ins Deutsche übersetzt. Frau Dr. Haefs geht selbst auf Talentsuche und wählt sich Bücher aus, die ihr für den deutschen Markt interessant erscheinen. Und ihr Einsatz hat Erfolg.

Nach dem Studium der Volkskunde und Sprachwissenschaft (mit dem Schwerpunkt Keltische und Skandinavische Sprachen) und der Promotion war es nicht einfach, eine passende Stelle zu finden. Frau Haefs meinte, mit Norwegisch als Hauptfach müsse sie sich eigentlich ihren eigenen Arbeitsplatz schaffen können. So übersetzte sie Gudmund Vindlands Villskudd (dt. ,,Der Irrläufer") und konnte einen Verlag davon überzeugen, dieses Werk auf deutsch herauszugeben.

,,Dann ging es Schlag auf Schlag", erzählt sie und fügt hinzu, ihr ,,Erstlingswerk" werde immer wieder in neuer Auflage gedruckt. Sie war auf eine Marktlücke gestoßen. Vor ihrer Zeit wurden Übersetzungen vor allem von festangestellten Hochschullehrern ,,nebenbei" angefertigt, und diese betonten, sie würden sich nur mit Dingen beschäftigen, die ihrem eigenen akademischen Standard entsprächen. Ironischerweise ist es heute so, daß deutsche Studierende der Nordistik mit Norwegisch als Hauptfach ehrfürchtig von Frau Dr. Haefs sprechen und ihre überragenden Verbindungen und Erfolge hervorheben.

Die alles andere als arbeitslose Übersetzerin wohnt zusammen mit ihrem Mann, dem norwegischen Schriftsteller Ingvar Ambjørnsen, in Hamburg. Natürlich sind auch viele seiner Bücher in deutscher Sprache erschienen - übersetzt von Gabriele Haefs. In der großen, gemütlichen Wohnung hat jeder sein eigenes Arbeitszimmer. Hier entstehen norwegische Bestseller, und hier werden norwegische Autoren in eine andere Sprache übertragen. Gabriele Haefs liest den größten Teil der in Norwegen neu erschienenen Literatur, um auf dem Laufenden zu bleiben. ,,Wenn ich ein neues Talent erkenne, fertige ich eine Probeübersetzung eines Kapitels an und wende mich an einen mir passend erscheinenden Verlag. Bei positiver Rückmeldung kann die Arbeit losgehen. Manchmal wenden sich auch die Verlage an mich, doch in der Regel geht die Initiative von mir aus. Als ich einem Verleger ein Kapitel von Jostein Gaarders Kabalmysteriet (dt. ,Das Kartengeheimnis`) zugeschickt hatte, rief er mich an und schlug vor, ich solle statt dessen ,Sofies Welt` übersetzen. So wollte es eben der Zufall. Dieses Buch wurde auch in Deutschland zu einem Verkaufserfolg, der allerdings wohl kaum etwas mit der Entwicklung der kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Norwegen zu tun hatte. Er landete ganz einfach einen literarischen Volltreffer, was auf dem Buchmarkt nur sehr selten vorkommt. Die wenigsten Deutschen wissen, aus welchem skandinavischen Land Jostein Gaarder eigentlich kommt ..."

Was die Literatur im Norden Europas betrifft, stellt Gabriele Haefs fest: ,,Grundsätzlich erlebt die norwegische Literatur - und die nordeuropäische Literatur überhaupt - derzeit gute Jahre in Deutschland. Es ist aber erstaunlich, wie ungleich das Bild ist. Wir übersetzen 20mal so viele Werke aus dem Norwegischen ins Deutsche wie umgekehrt. Vielleicht sollten norwegische Verlage sich mehr für deutsche Autoren interessieren? Es gibt viele, und viele sind sehr gut."

1945 sah es ganz anders aus: ,,Nach dem Krieg war von den kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht mehr viel übriggeblieben. Vor der Katastrophe hatten sie einen Höhepunkt erreicht. Während des Krieges erschienen die Werke vieler norwegischer Autoren in hohen Auflagen, doch handelte es sich dabei um Personen, die in das Weltbild der Machthaber paßten. Nach Kriegsende waren die Verbindungen fast völlig unterbrochen. Zwar erschienen von Johan Borgen und Jens Bjørneboe einige Werke, dies waren bekannte Namen. Doch die Mehrheit der deutschen Leser - abgesehen von denen, die sich für norwegische Heimatromane interessierten - wandte sich der amerikanischen Kriminal- und Unterhaltungsliteratur zu."

In der ihr eigenen Bescheidenheit erklärt Gabriele Haefs das Interesse an der norwegischen Literatur mit einem allgemeinen Trend in der Gegenwart. Sie will nichts davon hören, daß erst ihre Übersetzertätigkeit der norwegischen Literatur im deutschen Sprachraum zu einem gewaltigen Auftrieb verholfen hat: ,,Amerikanische Literatur ist nicht mehr so gefragt. Die Bücher sind zu teuer. Die Autoren dort können sich nur mit Hilfe von Literaturagenten einen Namen machen, und jedes Zwischenglied erhöht die Produktionskosten. Deutsche Verlage müssen hohe Beträge aufwenden, bevor die Bücher überhaupt auf den Markt kommen. Das Risiko ist dann zu groß. Ganz anders ist es in Skandinavien, wo Verleger und Autoren glücklich sind, wenn ihre Bücher in einer anderen Sprache erscheinen. Manch einer in der Branche macht sich vielleicht unrealistische Hoffnungen, was Auflagen und Umsätze in den deutschsprachigen Ländern betrifft. Das Buch eines bekannten norwegischen Schriftstellers verkauft sich nämlich in Deutschland nicht besser als in Norwegen. Auflagen von 3- bis 4.000 Exemplaren gelten als sehr gut. Abgesehen von Jostein Gaarder war keinem Norweger nach 1945 der ganz große Erfolg in Deutschland beschieden." Gabriele Haefs nennt Erik Fosnes Hansen als einen der Erfolgreicheren. Derzeit ist die Nachfrage nach Gerd Brantenberg am größten. Und Toril Brekkes Granitt wurde übersetzt und erschien jetzt mit dem deutschen Titel ,,Linas Kinder". ,,Ich bin gespannt und glaube schon, daß dieser Roman großen Anklang finden wird", sagt Haefs und fügt hinzu: ,,Viele junge Schriftsteller in Norwegen gehen wie selbstverständlich davon aus, daß ihre Bücher übersetzt werden und in Deutschland erscheinen. So ist es aber nicht. Und auch nach dem Erscheinen verkauft sich ein Buch nicht von selbst. Hierzu gehört harte Arbeit. Es ist nicht leicht, in Deutschland Erfolg zu haben."

Die Bücher werden in nahezu atemberaubendem Tempo übersetzt. Oft spricht Gabriele Haefs mit ,,ihren" Norwegerinnen und Norwegern am Telefon. ,,Meine Aufgabe ist es, das Geschriebene zu vermitteln. Deshalb muß ich öfter nachfragen, was mit der einen oder anderen Formulierung eigentlich gemeint ist. Sonst bringe ich vielleicht einen anderen Sinn in die Übersetzung. Jedes Jahr erscheinen 10-12 neue Titel. Die Zahl ist natürlich ganz davon abhängig, woran ich gerade arbeite. Ein kleines Kinderbuch läßt sich in wesentlich kürzerer Zeit übersetzen als eine umfassende Darstellung der Philosophie."

,,Natürlich kennen wir viele Menschen, die von Norwegen begeistert sind und jede Gelegenheit nutzen, das Land zu besuchen. Sie interessieren sich für alles, was mit Norwegen zu tun hat; sie kennen auch die norwegischen Schriftsteller und wissen, worin sich die nordischen Länder voneinander unterscheiden. Doch für die meisten Leser spielt es keine Rolle, in welchem Land ein Buch ursprünglich geschrieben wurde. Sie registrieren nur, daß die Handlung irgendwo in Skandinavien vor sich geht."

Abschließend möchte Gabriele Haefs eine Empfehlung aussprechen: ,,Es wäre sicher eine gute Idee, wenn das kulturelle Norwegen sich verstärkt in Deutschland bemerkbar machen würde. Es ist an der Zeit. Und noch eine Bitte an norwegische Verleger und Leser: Interessieren Sie sich für die deutsche Literatur, es gibt darunter gute und bedeutende Werke. Sorgen Sie dafür, daß sie auch bei Ihnen erscheinen."

Deutsche Übersetzung:
Ulrich Linnemann/Petra Biesalski
Text, wo nicht anders angegeben:
Tore Nedrebø, Kgl. Norwegisches Außenministerium
Umschlagbild:
,,Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustbrücke" (Ausschnitt), Gemälde des italienischen Künstlers Canaletto (1697-1768)

Umschlagfotos:
© Husmo-Foto, NTB Pluss, Peter Eilertsen
© Kgl. Norwegisches Außenministerium 1999